Zu Abbild der Vergangenheit

Hier gibt es einen Einblick in eine Geschichte, die einen sehr langen Weg hinter sich hat! „Abbild der Vergangenheit“ ist eins meiner ältesten Projekte, entstanden ist es noch vor „Kamillensommer“. Besonders geeignet ist dieser Roman für Jugendliche und junge Erwachsene ab 12 Jahren.

Das wunderschöne Cover meiner Träume hat die zauberhafte und unfassbar begabte Barbara Gerlach gezeichnet, die Ihr hier neben mir auf dem Bayernslam 2018 sehen könnt! Sie ist nicht nur eine klasse Poetry Slammerin und Meister-Kickerin, sie ist auch eine bemerkenswerte Illustratorin! Danke an Tobias Heyel für das Foto! Und ein noch viel größeres Danke an Barbara für dieses Kunstwerk und die tolle Zusammenarbeit!

Und jetzt wünsche ich Euch viel Spaß mit dem Anfang von „Abbild der Vergangenheit“!


Vorwort
Unwissenheit soll ein Segen sein? Das behaupten doch auch nur solche Menschen, die niemals im völligen Dunkeln getappt sind und deshalb vor Verzweiflung nur noch schreien wollten.

Kapitel 1: Auseinandergerissen
Ich … ich … hab mich … in dich verliebt, Meike.“
Am liebsten hätte ich geheult. Das durfte doch nicht wahr sein. Nicht er! Jeder, aber doch nicht mein bester Freund! „E-es, es tut mir leid, Noah“, stammelte ich. „Aber ich … ich kann deine … Gefühle nicht erwidern…“
Noah fasste sich mit einer Hand an den Hinterkopf und brachte sein braunes Haar dabei durcheinander. „Oh, okay… Verstehe… Äh, dann vergiss das einfach“, murmelte er hektisch. „Wir, ähm … sehen uns nach der Mittagspause…“ Eilig stapfte er davon, zurück in die Mensa.
Ich ließ den Kopf hängen. So ein Mist. Dass ausgerechnet mein bester Freund so etwas zu mir sagen würde, hätte ich nie gedacht. Verunsichert schaute ich Noah hinterher, dann wandte ich den Blick ab. Helles Licht schien durch die langen Fenster in den Gang. Es war nun Anfang Mai und der Schulgarten, den ich von hier aus sehen konnte, bot ein herrliches Bild. Doch die vielen Blumen heiterten mich gerade nicht auf.
Frustriert raufte ich mir die langen rotbraunen Locken. Wieder ein Tag, an dem ich die Geschehnisse hier verfluchte. Ich ging zwar auf die größte und teuerste Privatschule der Stadt, die Christophorus-Schule, aber ich war froh, dass ich sie nicht mehr lange besuchen müsste. Ich war nun 16 und in der zehnten Klasse, also sollte ich in zwei Jahren mein Abitur haben. Wenn ich nicht aus lauter Verzweiflung schon vorher aus der Schule flüchtete.
Im Großen und Ganzen verstand ich mich gut mit meinen Mitschülern, doch in letzter Zeit häufte es sich, dass mich die Jungs aus meinem Jahrgang nach Dates fragten. Inzwischen machte ich mich ziemlich unbeliebt, weil ich bisher immer abgelehnt hatte. Denn ich war sicher, dass sich diese Kerle einen schlechten Scherz mit mir erlaubten, vielleicht sogar darauf gewettet hatten, mit wem ich ausgehen würde. Außerdem gab es für mich nur den Einen. Auch wenn ich ihn vielleicht nie wieder sehen würde…
Hastig schüttelte ich den Kopf, um diese finsteren Gedanken zu vertreiben.
Meike, wo bleibst du denn?“, rief mir plötzlich jemand über den langen Gang zu, sodass ich mich umdrehte. Meine beste Freundin Elisa lief zu mir. „Warum kommst du nicht in die Mensa? Und was hast du mit Noah besprochen? Ich hab ewig auf dich gewartet!“
Halbherzig zog ich einen Mundwinkel hoch. „Es ist schon wieder passiert“, erklärte ich.
Sie zupfte an ihrer dunklen Bluse herum, die perfekt zu ihrem blonden Pferdeschwanz passte. An der Christophorus gab es zwar keine Uniform, doch die Schulleitung hatte sehr deutlich gemacht, wie viel Wert auf eine gehobene Garderobe gelegt wurde. Deswegen zogen die Jungs meistens Hemden oder Poloshirts an, die Mädchen Blusen oder Kleider. Ich war nur froh, dass die Lehrer uns nicht schon für das Tragen von Jeans ermahnten.
Sag bloß, diesmal hat Noah dir seine Liebe gestanden?“, fragte sie. „Oje… Dabei wart ihr doch Freunde…“
Sind wir immer noch“, entgegnete ich. „Hoffentlich.“
Aber warum hast du nicht zugestimmt?“, wollte sie wissen. „Ich dachte, du magst ihn. Auch wenn er ein arroganter Depp ist. Und dann hätte der Ansturm der Geständnisse an dich bestimmt aufgehört.“
Das kann ich nicht machen“, seufzte ich, ohne auf ihre Beleidigung für Noah einzugehen. Ich wusste ja, wie schlecht sich die beiden verstanden. „Ich kann nicht mit jemandem ausgehen, den ich nicht … auf diese Art mag. Einerseits will ich mich nicht selbst belügen, andererseits wäre es ihm gegenüber unfair.“
Wir setzten uns nun in Bewegung, um vor dem Nachmittagsunterricht noch etwas zu essen. „Aber du wirst immer öfter von Jungs gefragt. Ist da denn niemand für dich dabei?“
Nein, niemand.“ Ich befürchtete ja, dass sie ein Spiel daraus gemacht hatten, wer mich herumkriegte, weil ich jeden abblitzen ließ und bekanntlich als einziges Mädchen in der Klasse noch keinen Freund gehabt hatte. Aber diese Vermutung äußerte ich lieber nicht laut.
Warum eigentlich?“, wunderte sich Elisa. „Das hast du mir nie gesagt! Gibt es etwa schon einen anderen?“
Ich biss die Zähne zusammen und überlegte, ob ich ihr das erzählen sollte. Klar, sie war meine beste Freundin, aber ich redete nicht gern darüber, was vor meinem Umzug nach Meridenau passiert war. Ich hatte seit damals nicht mehr darüber geredet.
Meine Familie war erst vor vier Jahren in diese Großstadt gezogen. Meine Mutter hatte sich hier einen Namen als Anwältin gemacht, mein Vater leitete ein Reisebüro und mein fünfjähriger Bruder Paul ging noch in den Kindergarten.
Inzwischen waren Elisa und ich bei der Essensausgabe angekommen und standen in der Warteschlange. Ich nahm ein Tablett vom Stapel und ließ mir von unserer netten Köchin das nächstbeste Menü geben, das auf der Karte stand. Hauptsache irgendwas, um den Tag zu überstehen. Auch Elisa hatte nun etwas zu essen bekommen, dann suchten wir uns einen freien Platz. Fast alle Tische in der Mensa waren besetzt, die großen Fenster wurden zur Hälfte von Jalousien verdeckt, damit die Schüler nicht geblendet wurden. Einige aßen, andere machten Hausaufgaben oder unterhielten sich.
Jetzt sag schon“, drängelte Elisa. „Bist du etwa schon verliebt? Raus mit der Sprache, bitte!“
Ich wollte meine beste Freundin nicht anlügen. „Ja“, gab ich zu. Und da ich schon wusste, was die nächste Frage wäre, fügte ich hinzu: „In Leon.“
Ihre Augen weiteten sich, mit dieser Neuigkeit hatte sie wohl nicht gerechnet. „Leon? Der Spinner aus unserer Klasse? Ernsthaft?!“
Nein, nicht der!“ Ich schüttelte heftig den Kopf. Sie redete vom schmächtigen, hellblonden Leon Braun, ich sprach von einer ganz anderen Person. „Jemand, den ich von früher kenne.“
Erzähl mir alles“, forderte sie mich auf. „Von der Geschichte hab ich noch nie gehört, wieso hast du denn nie was gesagt?“
Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass wir genug Zeit hatten, bis der Unterricht wieder begann. Nur wollte ich mich nicht an diese Geschichte erinnern, denn sie machte mich verdammt traurig. Vor allem, weil ich nichts daran ändern konnte. Aber vielleicht fühlte ich mich besser, wenn ich meine beste Freundin einweihte…
Einen Versuch wäre es wert. Ich sah in Elisas blauen Augen, die mich erwartungsvoll musterten. „Okay. Ich erzähl es dir, aber tu mir einen Gefallen. Sag es niemandem, erst recht nicht den Jungs hier.“ Mir war es lieber, meine Mitschüler machten sich weiterhin einen Spaß daraus, dass ich mit niemandem ausging, als dass sie den Grund dafür kannten.
Sie nickte entschlossen. „Versprochen!“
Ich lächelte schief. „Na gut. Vor vier Jahren bin ich mit meiner Familie hierhergezogen. Davor haben wir in Puros gewohnt.“
Das sagt mir gar nichts“, murmelte sie.
Ist ja auch ein Kuhdorf am Ende der Welt“, lachte ich. Der Umzug war echt die Hölle – mein kleiner Bruder ist damals erst ein Jahr alt gewesen und hat die ganze Zeit gebrüllt. Aber das Schlimmste war, zu wissen, dass ich Leon wohl nie wiedersehen würde.“
Sofort war Elisa Feuer und Flamme, was mich etwas irritierte. „Das klingt so dramatisch! Wie eine verbotene Liebe!“
Ich schmunzelte. „Nicht ganz.“
Okay, erzähl weiter!“, forderte sie mich auf.
Am Nebentisch ließ jemand eine Gabel auf den Boden fallen, es schepperte leise, dann kicherte ein Mädchen an dem Tisch. Ich fand es gut, dass gerade jeder mit sich selbst beschäftigt war. Keiner beachtete Elisa und mich, keiner lauschte. Noah saß bei ein paar Freunden am anderen Ende der Mensa und stocherte lustlos in seinem Salat herum. Auch sein Stück Lasagne lag unangetastet auf dem Teller vor ihm.
Ich wandte schnell den Blick von ihm ab und verdrängte mein schlechtes Gewissen weitestgehend. So ein blöder Tag. Erst verletzte ich meinen besten Freund und jetzt kramte ich eine so deprimierende Geschichte aus. „Na ja, das erste Mal hab ich Leon vor … knapp zehn Jahren getroffen. Da war ich sechs und bin zum ersten Mal allein unterwegs gewesen. Ich wollte nur etwas durchs Dorf laufen, aber dann hab ich diese großen Felder gesehen und bin weitergegangen. Bis ich keinen Plan mehr hatte, wo ich war…“
Wie süß“, kicherte Elisa. „Du hast dich verlaufen?“
Ich nickte. „Total. Und damals war ich so ein Feigling, dass ich mich nicht getraut hab, irgendjemanden nach dem Weg zu fragen. Ich hab sowieso niemanden getroffen, und an wildfremden Türen wollte ich nicht klingeln. Eigentlich ist das ja total peinlich“, lachte ich. „Ich hab weinend am Wegrand gesessen und gehofft, dass meine Eltern mich finden.“
Ach komm, du warst sechs, da darf man so was noch“, beruhigte sie mich.
Ich musste lächeln. „Tja, und dann hab ich Leon getroffen. Oder besser gesagt, er hat mich gefunden. Damals kam er mir vor wie ein Held.“
Sie grinste. „Wie sieht er denn aus?“
Typisch, dass sie das am meisten interessierte. Genau so kannte ich meine beste Freundin. „Er hat dunkles, schon fast schwarzes Haar, dunkelbraune Augen und total sanfte Gesichtszüge“, erinnerte ich mich. „Und er hat mich so besorgt angeschaut!“
Ist ja niedlich! Und dann?“
Ich war wahnsinnig erleichtert, dass ich doch nicht ganz allein war. Leon hat mir so geholfen! Er ist mein liebster Freund geworden…“
Und plötzlich spielte sich vor meinem inneren Auge wieder ab, was damals passiert war.

*

Ist alles okay?“, fragte Leon unsicher.
Mit tränennassen Augen blickte zu ihm auf. Er war etwas älter als ich, doch er erschien mir auf den ersten Blick sympathisch. In dem Moment machte ich mir keine Sorgen mehr. Er würde mir helfen, das wusste ich einfach. „Ich hab mich verlaufen“, schluchzte ich. „Ich weiß nicht mehr, wie ich zurückkomme.“
Wo wohnst du denn?“, wollte er wissen. Schnell nannte ich ihm meine Adresse in Puros, da wurde er hellhörig. „Ich wohne neben dir!“, fiel ihm auf. „Und ich wollte sowieso nach Hause, wir können zusammen gehen.“ Da streckte er mir die Hand hin. „Komm!“
Ich ergriff sie und er zog mich hoch. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg. Erst vor dem großen weißen Haus, in dem ich wohnte, blieben wir stehen.
Leon zeigte auf das Haus nebenan. „Da wohne ich.“
Wir sind wirklich Nachbarn!“, staunte ich. Der Junge war mir zuvor nie aufgefallen. Vielleicht weil mich meine Eltern nur selten allein draußen spielen ließen. Eigentlich hätte ich auch heute nicht weggehen sollen, doch mir war so langweilig gewesen…
Dann bis bald“, verabschiedete er sich von mir und lief zu sich nach Hause.
Danke!“, rief ich ihm hinterher, woraufhin er mich kurz anlächelte.
Kaum hatte ich bei mir zu Hause geklingelt, wurde die Tür aufgerissen. Meine Mutter blickte mich aus ihren weit aufgerissenen grünen Augen an. „Meike, wo warst du? Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht! Du kannst doch nicht heimlich abhauen! Und das auch noch alleine! Wir haben schon die Polizei gerufen!“
Beschämt zog ich den Kopf ein. „Es tut mir leid!“
Bestimmt bemerkte sie mein schlechtes Gewissen, jedenfalls schimpfte sie mich nicht aus, sondern umarmte mich fest. „Oh du… Komm schnell rein.“
Am nächsten Tag spielte ich etwas in unserem Garten. Ich hatte meine Mutter so lange angebettelt, bis sie mich allein nach draußen gelassen hatte, während sie im Büro saß und arbeitete. Mir war inzwischen aufgefallen, dass ich nicht mal den Namen des Jungen von gestern kannte. Ob ich bei unseren Nachbarn klingeln sollte?
Hallo!“, rief es plötzlich von der Grundstücksgrenze. „Hallo!“ Der Junge von gestern stand am Zaun und winkte mir zu. „Weißt du noch? Ich hab dich gestern nach Hause gebracht.“
Klar weiß ich das noch!“, antwortete ich und lief zum Zaun.
Ich wollte dich fragen, wie du heißt!“
Ich bin Meike Parker. Du?“
Leon Englert“, stellte er sich vor. „Und ich bin zehn. Wie alt bist du denn?“
Ich bin sechs“, murmelte ich eingeschüchtert. Dass er schon so alt war, hätte ich nicht gedacht. Doch ihn störte das anscheinend nicht.
Er grinste mich an. „Wollen wir was unternehmen?“
Was denn?“
Kurz überlegte er. „Vielleicht zum Bach gehen?“
Nachdem wir unsere Eltern um Erlaubnis gefragt hatten, machten wir uns auf den Weg. Aber wir mussten schon nach einer halben Stunde zurück, weil Leon ins Wasser gefallen war. Triefnass stand er da, als er wieder hinauskletterte. Ich konnte nicht aufhören zu lachen. Allerdings hatte Leon sich an diesem Tag erkältet, darum besuchte ich ihn von da an, bis er sich erholt hatte.
Wir trafen uns oft, stellten immer viel Unsinn an, gingen allen Leuten der Umgebung auf die Nerven und wurden unzertrennlich. Wir besuchten sogar dieselbe Grundschule und verbrachten jede Pause zusammen.
Nach einer Weile bemerkten wir, dass wir beide leidenschaftlich gern fotografierten – wir liebten es, besondere Momente in Bildern einzufangen, wobei mein liebstes Motiv die Natur war und er bei Porträts aufblühte. Es gab keine besseren Personenaufnahmen als seine, fand ich. Seitdem wuchs meine Liebe zur Fotografie stetig. Weil wir oft zusammen losgezogen waren, um Bilder zu machen. Vermutlich hing ich deswegen noch heute so sehr an diesem Hobby, ich hatte inzwischen sogar gelernt, meine Fotos professioneller zu bearbeiten.
So schön unsere gemeinsame Zeit war, sie nahm ein abruptes Ende. In den Sommerferien, als ich zwölf war, änderte sich alles. Für immer. Und die letzten sechs Jahre Freundschaft wurden auf einen Schlag ausradiert.
Ich war für drei Wochen zu Besuch bei meiner Tante und ihrem Mann auf deren großem Bauernhof. Obwohl ich die Zeit dort genoss, freute ich mich schon darauf, zurück nach Puros zu kommen. Denn Leon und ich hatten ausgemacht, dass wir uns in den restlichen Ferien jeden Tag treffen und etwas unternehmen würden.
Mein Vater holte mich vom Bahnhof ab und mir fiel auf, wie übermüdet und unglücklich er aussah. Auf der Fahrt redeten wir kaum. Und als wir daheim in Puros ankamen, wusste ich auch warum.
Als ich vor meinem Zuhause stand, glaubte ich nicht, was ich sah. Das Haus von Leon und seiner Familie war abgebrannt – graue und schwarze Asche bedeckte den Rasen, das Dach des Hauses war völlig zerstört und einige Wände waren eingebrochen.
Meike, hör mal…“, begann mein Vater, doch ich wartete seine Erklärung nicht ab. Ich stieg aus dem Auto und rannte auf das Nachbargrundstück.
Im Garten, etwas abseits von den Trümmern, fand ich Leon. Zusammengekauert saß er auf der Wiese und weinte bitterlich. Seine schwarze Hose und sein weißes Hemd waren schmutzig vom Ruß, sein dunkles Haar wirr. Der Anblick versetzte mir einen schmerzhaften Stich. In diesem Moment wirkte er nicht wie der freche 16-Jährige, den ich kannte. Sondern wir der traurigste Mensch der Welt.
Ich ging vor ihm in die Hocke und legte zaghaft eine Hand auf seine Schulter. „Leon, was ist passiert?“, fragte ich entsetzt.
Er drehte sich überrascht zu mir um, seine Augen waren rot und geschwollen, dicke Tränen liefen über sein Gesicht. „Geh weg!“, rief er. „Ich will nicht, dass du mich so siehst, Meike!“
Erschrocken zuckte ich zurück. So traurig, kaputt und verzweifelt hatte ich ihn noch nie gesehen, und es tat mir im Herzen weh. Darum wollte ich ihn nicht unter Druck setzen. Wenn er so weit war, würde er mit mir reden, das wusste ich. Denn auch wenn er manchmal bockte, erzählte er mir am Ende doch immer alles. Und dann verstand ich bestimmt, warum er hier allein saß und weinte.
Okay, ich lass dich in Ruhe“, flüsterte ich. „Aber morgen komme ich wieder. Und übermorgen. Und irgendwann erzählst du mir, was passiert ist, ja?“
Meine Worte zauberten ihm ein schwaches Lächeln aufs Gesicht. „Danke. Ich wusste, du würdest es verstehen.“
Ich strich ihm vorsichtig übers Haar. „Ich warte. Bis morgen, Leon.“
Bis dann, Meike“, verabschiedete er sich leise von mir.
Und dann machte ich den größten Fehler meines Lebens – ich ging weg, zu mir nach Hause. Mein Vater wartete schon mit meinem Koffer an der Haustür. Er musterte mich bedrückt, tiefe Ringe zeichneten sich unter seinen blauen Augen ab.
Was ist hier bloß los?“, fragte ich ängstlich.
Komm ins Wohnzimmer, du solltest dich hinsetzen“, riet er mir.
Wir setzten uns aufs Sofa, auch meine Mutter gesellte sich dazu. Sie sah genauso niedergeschlagen aus wie mein Vater. Ich verstand nicht, was diese unheimliche Atmosphäre bedeutete.
Hör zu, Meike… Vor drei Tagen hat es bei unseren Nachbarn plötzlich gebrannt“, erzählte er leise. „Die Spurensuche ermittelt noch, wie das Feuer ausbrechen konnte. Dabei ist etwas Schreckliches passiert… Es… Es war… Leons Eltern sind umgekommen. Heute früh war die Beerdigung, wir waren alle dabei.“
Ich hielt die Luft an. Das konnte doch nicht… Nein, das konnte nicht sein! „Seine … seine Eltern sind … tot?“
Die Verzweiflung packte mich, ich fühlte mich wie gelähmt. Da stiegen mir schon die ersten Tränen in die Augen. Leons Eltern waren immer so nett gewesen und nun sollten sie für immer verschwunden sein?
Meine Mutter umarmte mich fest. „Leider ja, Mäuschen. Leon hat zum Glück bei einem Freund übernachtet, doch Sven und Emma … kamen nicht rechtzeitig aus dem Haus…“
Oh Gott!“, schluchzte ich. „Nein! Warum? Warum ist das passiert? Warum war ich in den letzten Tagen nicht bei Leon?“
 „Meike, du konntest nicht da sein, du wusstest ja nichts davon“, redete sie auf mich ein. „Und am Telefon wollten wir dir das alles nicht erzählen.“
Aber ihr hättet es mir sagen müssen!“, warf ich meinen Eltern vor. „Ich wäre doch sofort zurückgekommen!“
Du hättest nichts tun können“, flüsterte mein Vater und strich über meinen Arm. „Leons Großeltern, die Eltern seiner Mutter, werden ihn heute mit zu sich nehmen, er zieht von hier weg. Er hat ja keine anderen Verwandten hier…“
Ich glaube, das hat er noch nicht mal wirklich mitbekommen“, ergänzte meine Mutter. „Kein Wunder, er ist noch völlig geschockt…“
Ich weiß nicht mal, wo seine Großeltern wohnen“, fiel meinem Vater auf.
Das war zu viel… Das durfte alles nicht wahr sein! Er ging fort? Er hatte nicht nur sein Zuhause, sondern auch die beiden wichtigsten Menschen seines Lebens verloren und nun musste er obendrein von hier wegziehen? Und ich konnte nichts für ihn tun?!
Nein!“, schluchzte ich. „Wieso? Wieso?!“
Mein Vater drückte mich nun auch an sich. „Ich weiß, das ist schrecklich… Aber mach dich nicht verrückt, du kannst daran nichts ändern.“
Doch, das kann ich!“, rief ich trotzig.
Ich wollte noch ein letztes Mal für Leon da sein. Oder ihn dazu bringen, nicht aus Puros fortzuziehen. Auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie ich das anstellen sollte. Aber der Gedanke, ihn nicht mehr zu sehen, ihn nicht mehr in meiner Nähe zu haben und ihm nicht mal in der schwersten Zeit seines Lebens helfen zu können, erschien mir unerträglich.
Also riss ich mich von meinen Eltern los und eilte nach nebenan in den Garten, wo Leon bis eben noch gesessen hatte. Aber er war nicht mehr da. Das gesamte Grundstück war verlassen. „Leon?“, rief ich unsicher. „Leon, wo bist du?“ Keine Antwort. „Leon!“
Hektisch blickte ich mich um. Da sah ich ein Auto an der Straße vorbeifahren. Und auf dem Rücksitz saß Leon! Er blickte starr geradeaus, das Auto wurde in der Ferne immer kleiner.
In mir zerbrach etwas. Kraftlos sank ich auf den Knien ins Gras. Er war weg. Und er käme nicht zurück. Ich hatte mich nicht mal von ihm verabschieden können. Tränen rannen über meine Wangen, ich krallte meine Finger in die Erde und weinte. Ich war zu spät gekommen, ich hatte ihn nicht mehr aufmuntern oder aufhalten können. Das Letzte, was ich von ihm gesehen hatte, war dieses grauenhaft schmerzverzerrte Gesicht gewesen. Das Gesicht, das mir nie wieder aus dem Kopf gehen würde.
Erst da wurde mir klar, dass ich mich schon vor langer Zeit unbemerkt in ihn verliebt hatte. Und auch, dass es nun aussichtslos war. Ich konnte ihm meine Gefühle nicht mehr gestehen. Ich hatte meine Chance verpasst.


Ich hoffe, Ihr hattet Spaß beim Lesen. Falls Ihr Anmerkungen zur Geschichte habt oder ein Buch kaufen wollt, kontaktiert mich jederzeit! Auch bei Papierfresserchens MTM-Verlag oder Amazon ist der Roman erhältlich.