Zu Flüsternde Wahrheit

Aufregung, Fantasy, epische Reisen und große Gefahren sind Euer Ding? Dann habt Ihr die richtige Geschichte angeklickt! „Flüsternde Wahrheit“ ist meine größte Fantasy-Reihe. Geeignet ist sie für alle Fantasy-Fans ab etwa 12 Jahren; meine jüngste Testleserin war 11, mein ältester 61.

Was passiert, wenn eine 17-jährige Schülerin, die seltsame Stimmen hört, erfährt, dass ihre Gabe aus einer fremden Welt stammt? Was, wenn sie für dieses Wissen in einen Krieg hineingezogen wird, der viel größer und unheimlicher ist, als sie je erwartet hätte? Was, wenn sie nicht mehr nach Hause kann?

Genau das erfahrt Ihr hier.


Dieser Auszug stammt aus dem ersten Band der Hexalogie: „Flüsternde Wahrheit – Wie ein Hauch durch die Stille“. Die kursiven Textzüge hinter wörtlichen Reden sind übrigens die leisen Stimmen, die Irina hört.

Kapitel 3: Mehr als mysteriös

Lange wird Darius sowieso nicht mehr in unserer Klasse sein“, merkte ich erleichtert an.
Stimmt, der wird durchfallen“, prophezeite Theresa.
Manuels Gesicht hellte sich auf. „Dann sind wir ihn ja bald los!“
So bald nicht“, bremste ich ihn aus. „Es ist erst Herbst. Das Schuljahr hat gerade letzten Monat angefangen, also dauert das noch etwas.“
Egal. Hauptsache, wir haben dann unsere Ruhe vor dem Spinner.“
Ist euch aufgefallen, dass seine Haare heute noch mehr abstehen als sonst?“, kicherte Theresa. „Ich glaube, diesmal hat er zwei Packungen Haargel benutzt!“
Unwillkürlich stimmte ich in ihr Lachen ein. „Vielleicht als Schutzhelm, weil er Angst vor Frau Sauer hat!“
Das rettet ihn auch nicht, wenn sie ihn zum Abendessen frisst“, grölte Manuel.
Theresa und ich brachen in noch lauteres Kichern aus. Es tat gut, sich über Darius lustig zu machen. Dadurch wirkte er weniger bedrohlich auf mich.
Als er dann jedoch an uns vorbeikam, verstummten wir sofort. Er war, gefolgt von zwei Mädchen, auf dem Weg zum Klassenzimmer. Meine Freunde und ich hatten uns absichtlich ein paar Schritte von unseren Mitschülern entfernt, damit niemand von unseren Recherchen über den Neuen hörte, doch Darius warf mir einen skeptischen Blick zu, als er uns passierte.
Da Jessica aber ununterbrochen auf ihn einredete, hatte er gar keine Gelegenheit, mich anzusprechen. Das war wirklich das erste Mal seit Langem, dass ich ihr für irgendetwas dankbar war.
Und wir haben heute doch nur sechs Stunden, lass uns danach in die Stadt gehen, was meinst du?“, fragte sie.
Wie kommt man bloß an diesen Kerl ran? Der ist total distanziert!
Wir könnten dir eine kleine Führung geben, du kennst dich hier ja noch gar nicht aus, oder?“, ergänzte die rothaarige Olga. „Immerhin bist du gerade erst hergezogen!“
Wir sind ja so nett und hilfsbereit zu ihm. Da freut er sich bestimmt.
Darius rang sich zu einem offensichtlich falschen Lächeln durch. „In der Tat, meine Ortskenntnisse dieser Stadt sind sehr beschränkt. Dennoch hege ich nicht das Verlangen, diesen Zustand zu ändern.“
Es ist für mich von keinerlei Interesse, mir Wissen über diesen Ort anzueignen. Genauso wenig wie mir nach eurer Gesellschaft oder einer Konversation mit euch dummen Gänsen zumute ist. Offensichtlich habt ihr keine Erziehung genossen, zumindest eurem Verhalten nach zu urteilen. Schrecklich! Wie diese Weiber es wagen, mich einfach anzusprechen.
Sogar seine Gedanken klangen geschwollen. Wie lächerlich.
Plötzlich schaute Darius prüfend zu mir. Anscheinend wartete er auf meine Reaktion zu seinen gemeinen Gedanken. Allerdings ignorierte ich ihn und plauderte wieder mit meinen Freunden. Ich ließ mir nicht anmerken, dass ich das Flüstern gehört hatte. Nie wieder würde ich auf den Subtext hören, von niemandem – jedenfalls nahm ich mir das vor. Klar, manche Sachen konnte man nicht ignorieren. Solche, die einschlugen wie eine Bombe, weil man sie nie erwartet hätte. Doch ich konnte es versuchen.
Altgriechisch war gerade vorbei, wir mussten nun für Chemie den Raum wechseln. Nur noch zwei Fächer, dann hatte ich wieder einen Tag in der Hölle überstanden. Ich packte mein Buch und die Aufzeichnungen von dieser Stunde ein.
Da sprach unser Lehrer, den wir auch in Latein hatten, mit Darius. „Du bist wirklich ausgezeichnet in Altgriechisch, genau wie in Latein“, lobte Herr Schreiber ihn überschwänglich. „Hast du dir schon mal überlegt, am Wettbewerb für alte Sprachen teilzunehmen?“
So ein Talent hatten wir noch nie an unserer Schule. Wir könnten dieses Jahr gewinnen, wenn er zustimmt.
Darius schüttelte den Kopf und warf sich seine Schultasche in einer schnellen, kraftvollen Bewegung über. „Nein, ich möchte mich erst an diese neue Umgebung gewöhnen.“
Wettbewerbe? Pah. Uninteressant. Sinnlos.
Natürlich, natürlich“, murmelte der Lehrer und zupfte an seinem neongrünen Pullunder, sichtlich enttäuscht. „Du wohnst ja erst seit gut zwei Wochen hier. Aber ich hoffe, es gefällt dir hier?“
Wie schade.
Ich verdrehte die Augen und stopfte mein Heft in die volle Tasche. Jetzt hatte der Blödmann auch noch den immer so fröhlichen Herrn Schreiber deprimiert. Zügig hob ich meinen Rucksack hoch.
Allerdings, es ist wirklich schön hier“, antwortete Darius.
Ich hasse diesen Ort. Ich hasse dieses farblose Land, ich hasse diese fantasielose Realität, diese komische Technik, diesen sogenannten Fortschritt. Doch ich muss hierbleiben, bis meine Mission erfüllt ist. Dabei möchte ich nur zurück in meine Welt.

*

Mir fiel die schwere Schultasche mit einem lauten Knall auf den Boden. Fassungslos, mit offenem Mund und großen Augen, starrte ich den dunkelblonden Jungen an. Seine WELT?!
Was bedeutete das?
Wegen des lauten Geräuschs meiner gefallenen Tasche drehte sich Darius just in diesem Moment zu mir um. Und ich konnte meinen verstörten Blick nicht verschwinden lassen, obwohl ich es versuchte. Was ich soeben gehört hatte, brachte mich zu sehr aus der Fassung.
Irina, was hast du?“, fragte Theresa besorgt. „Geht’s dir nicht gut?“
Ich reagierte nicht. Ich starrte nur in Darius’ dunkelbraune Augen und schüttelte langsam den Kopf, als könnte ich das Gehörte dadurch vergessen.
Er erwiderte meinen entsetzten Blick mindestens genauso bestürzt. Er wirkte alarmiert, schockiert, verunsichert. Mir war klar, dass er nun wusste, was ich gehört hatte.
Hallo, Irina, was ist los?“, rief Theresa.
Ist dir schlecht?“, erkundigte sich nun auch Manuel. „Willst du dich vom Unterricht befreien lassen und zum Arzt gehen?“
Darius war der Erste von uns beiden, der sich wieder regte. Er kam mit wenigen, schnellen Schritten zu mir gestürmt und packte mich am Arm, um mich mit sich zu ziehen. „Ich kümmere mich um sie“, kündigte er an, während er mich aus dem Klassenzimmer zerrte.
Ohne meinen Freunden oder mir Zeit für eine Reaktion zu geben, lief er los. Er rannte so schnell, dass ich kaum mitkam. Ich stolperte hinter ihm her, er zog mich weiter, auch, wenn ich beinahe hinfiel. Ihm schien dieses irre Tempo überhaupt keine Mühe zu bereiten.
Warte!“, kreischte ich, nachdem wir den ganzen Gang entlang gerannt und um die Ecke gebogen waren. „Ich kann nicht mehr, meine Tasche liegt noch im Klassenzimmer! Und ich will nicht mit dir mitgehen!“
Einige andere Schüler, die sich auf den Gängen tummelten, blickten uns irritiert nach, tuschelten über diesen merkwürdigen Anblick. „Halt den Mund“, zischte mir Darius zu. „Hier hören uns zu viele Leute.“
Erst nach einer gefühlten Ewigkeit blieb er stehen und ließ mich los. Ich schnappte nach Luft, stützte mich mit beiden Händen auf meinen weichen Knien ab. Meine Lunge brannte, als würde sie jeden Moment explodieren.
Wir standen im schlecht beleuchteten Keller, bei den alten unbenutzten Schließfächern in der hinterletzten Ecke. Hier würde uns niemand suchen, geschweige denn finden. Diese rostigen Fächer wurden seit Jahren nicht genutzt. Ich hatte gedacht, sie wären längst entsorgt worden, wie die ausrangierten Tische und Stühle.
Hast du noch alle Tassen im Schrank?“, schrie ich Darius an. „Was glaubst du eigentlich, was du hier machst?“
Ich habe genug von diesem Theater“, knurrte er und schaute mich an. „Es reicht! Wir sind uns beide im Klaren darüber, wem wir gerade gegenüberstehen, nicht wahr, Gedankenleserin?“
Entgeistert starrte ich ihn an. Er hielt mich für eine Gedankenleserin? Wie verrückt konnte ein einzelner Mensch sein? Wer war dieser Darius wirklich? „Ich kann keine Gedanken lesen! Bist du völlig übergeschnappt, oder was?“
Es kostete unendlich viel Selbstbeherrschung, nicht nach seiner Welt zu fragen, doch würde ich davon sprechen, hätte er den Beweis, dass ich die Wahrheit – und noch etwas mehr – aus seinen Worten hörte. Und diesen Beweis durfte ich ihm nicht geben.
Lange starrte er mich nur an. Unentschlossen erwiderte ich seinen Blick, dann runzelte er die Stirn. „Du hörst es nicht?“, fragte er.
Das kann nicht sein. Ich bin mir sicher, sie ist eine! Wie auch immer sie in diese Welt gelangt ist, sie muss eine Gedankenleserin sein! Sonst wäre sie auch nicht so angepasst an diese lächerliche Kultur.
Er wusste etwas. Über Menschen, die verrückte Fähigkeiten hatten, wie ich. Er wusste etwas, was ich mir selbst nicht erklären konnte. Was mir das Internet nicht erklären konnte – und ich hatte lange versucht etwas über meine Fähigkeiten in Erfahrung zu bringen. Ohne Erfolg. Ich hatte nur irgendwelche Websites von unheimlichen Irren gefunden, die sich einbildeten, besondere spirituelle Kräfte zu haben. Nichts Ernsthaftes oder gar Glaubwürdiges.
Sollte ich zugeben, dass ich etwas hörte, zwar nicht direkt seine Gedanken, aber die Wahrheit hinter seinen Worten? Sollte ich meiner unbeschreiblichen Neugierde nachgeben? Oder lieber auf meine Angst, mein Misstrauen und meinen Instinkt hören?
Du irrst dich“, flüsterte ich. „Ich bin keine Gedankenleserin.“
Deinen Reaktionen nach schon“, entgegnete Darius kurzum, die Zähne zusammengepresst.
Trotzig verschränkte ich die Arme vor der Brust. „Ach ja?“
Sobald ich etwas dachte, was nicht ins Bild dieser Kultur passt, hast du mich angesehen. Mit solchem Entsetzen im Blick, dass du dich verraten hast. Wie also willst du mich davon überzeugen, einem Irrtum zu unterliegen?“
Das Weib will mich bloß testen.
Ich bin kein Weib!“, fauchte ich. „Ich bin ein Mädchen und ich habe einen Namen, du Mistkerl!“
Im selben Atemzug presste ich mir eine Hand auf den Mund. Verdammt. Verdammt! Ich hatte mich verraten.
Darius lächelte zufrieden. „Also doch. Wie bist du in diese Welt gekommen? Wie konntest du dich so lange verstecken?“
Es gibt tatsächlich noch eine Gedankenleserin! Es gibt noch eine!
Nun war es sowieso zu spät. Es gab keinen Grund mehr, ihn nicht auf diese Sache mit den Welten anzusprechen. „Was meinst du ständig mit dieser Welt?“, fragte ich. „Soll das heißen, es gibt noch eine andere?“
Verdutzt musterte er mich, wortlos – minutenlang, bis er seine Stimme wiedergefunden hatte. „Du begreifst wirklich nicht, was hier los ist?“
Hilflos sah ich ihn an. „Ich verstehe nicht einmal, warum ich ständig diese Stimmen in meinem Kopf höre! Ich muss doch verrückt sein!“
Unmöglich“, murmelte er. „Du weißt nicht … wer du selbst bist und woher du kommst?“
Also versucht sie nicht, ihre Herkunft vor mir zu verbergen?
Ich … ich bin hier geboren“, stammelte ich. „Und … ich … ich bin Irina Wolf. Soweit ich weiß …“
Da lachte er plötzlich laut, er lachte laut und schallend. „Ich fasse es nicht! Unbegreiflich! Nie hätte ich geglaubt, jemals etwas Derartiges zu erleben!“
Hör auf dich über mich lustig zu machen!“, tobte ich. „Erklär mir, was das alles soll! Wo ist diese Welt, aus der du kommst? Was für eine Mission willst du hier erfüllen?“
Er trat direkt vor mich und beugte sich ein Stückchen herunter, sodass nur noch wenige Millimeter unsere Nasenspitzen voneinander trennten. Bei dieser unerwarteten Nähe schlug mein Herz schneller, geradezu ängstlich blickte ich Darius an und unterdrückte den Drang wegzulaufen. Ich würde nicht nachgeben. Ich wollte erfahren, was er über mich wusste. Vielleicht bekam ich dieses ständige Flüstern dann auch endlich in den Griff.
Was hältst du von einer Vereinbarung?“, fragte er leise.
Eine Vereinbarung?“ Meine Stimme zitterte.
Du hilfst mir, eine bestimmte Mission zu erfüllen, und im Gegenzug erkläre ich dir alles“, schlug er vor. „Das ist nur fair, nicht wahr?“
Das ist Erpressung“, fauchte ich aufgebracht über so viel Dreistigkeit. „Ich weiß ja nicht mal, was für eine bescheuerte Mission das sein soll!“
Er wirkte überrascht und brachte endlich wieder etwas Abstand zwischen uns, indem er sich aufrichtete. „Du musst doch nur in meinen Gedanken wühlen, dann weißt du, welche Mission ich meine.“
Das Weibsbild ist unaussprechlich schwer von Begriff.
Deine Beleidigungen reichen mir“, motzte ich. „Entweder du nennst mich ab jetzt bei meinem Namen oder ich rede kein Wort mehr mit dir! Ich bin kein Weibsbild, ich bin kein Weib, ich bin keine Gedankenleserin. Ich bin Irina! Klar?“
Er zuckte mit den Schultern. „Von mir aus.“
Ist Weib in dieser Kultur etwa eine Beleidigung? Diese Welt ist absonderlich …
Also, was ist jetzt mit dieser Mission?“, wollte ich wissen. „Ist das was Gefährliches? Oder was besonders Schwieriges?“
Da lächelte er bitter. „Sowohl als auch.“
Es wird brutal, riskant und gefährlich.
Dann mache ich nicht mit“, entgegnete ich. „Ich hänge zu sehr an meinem Leben, um einem Wildfremden bei so was zu helfen.“
Für einen kurzen Moment legte sich Wut auf seine Gesichtszüge, doch dann sah er mich nur ausdruckslos an. „Wie du willst. Dann erfährst du nichts darüber, wer du bist und woher du kommst.“
Du wirst in dieser langweiligen Welt vor dich hin vegetieren und einsam sterben. Wenn dir das lieber ist, nur zu.
Unwillkürlich schluckte ich schwer. Sollte ich das Risiko vielleicht doch eingehen? Aber ich konnte diesem unheimlichen, verrückten Kerl doch nicht vertrauen – oder vielleicht doch? Er wusste ja nicht mal, dass ich keine Gedanken, sondern nur die Wahrheit hörte.
Darius bemerkte die Unsicherheit in meinen Augen. So trotzig wie möglich starrte ich ihn an, hielt seinem Blick sogar stand, doch zugleich fühlte ich mich schrecklich unterlegen.
Er lächelte überheblich. „Du kannst es dir jederzeit anders überlegen. Ich muss noch in dieser Welt verweilen. Denk über mein Angebot nach, und ich werde alles tun, um dir zu helfen. Denn wenn du zustimmst, kann ich endlich zurück nach Hause. Und ich werde dich beschützen, wenn du mir hilfst. Das schwöre ich dir.“
Sofort schoss mir die Röte ins Gesicht. Kein Flüstern. Er meinte es ernst.


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